Aklimatisirierung
Viel ist passiert seit unserem letzten Bericht. Einige Unsicherheiten
bezüglich unseres Weges haben sich aufgelöst, andere sind entstanden. Die
Temperaturen steigen von Tag zu Tag an dem wir weiter in die Wüste
vordringen. Die einzigen Reisenden, von denen wir gehört haben, fahren alle
über Ägypten. Wir sind alleine unterwegs, was manchmal auf die Stimmung
drückt, aber oft auch unvergessliche Situationen schafft, die wir sonst
nicht erlebt hätten.
In Tunesien verbringen wir die ersten Tage am Strand und fahren dann nach
Douz. Ein recht malerischer Campingplatz in einer kleinen Stadt direkt in
einem Palmenhain. Hier scheint die Relaisstation für alle sandbegeisterten
Wüstenfahrer zu sein, die von hier aus ins Sperrgebiet aufbrechen. Wir
halten es nicht für nötig unseren Bus jetzt schon irgendwelche Pisten
zuzumuten und fahren 150Km Asphalt zu dem Ort wo der 1. Star Wars Film
gedreht wurde. Die Kulsissen sind für ihre 27 Jahre noch richtig gut
erhalten, nur die Souvenirverkäufer und die Quadfahrer nerven, die
angetrieben von ihrem Führer immer wieder die zwei Dünen hoch und runter
fahren müssen, obwohl sie schon gar keine Lust mehr haben. Auf den 13Km
Piste hierher testen wir noch schnell das erste Mal die Sandtauglichkeit
unseres Busses und sind recht zufrieden.
Bevor wir uns am nächsten Tag auf den Weg Richtung Libyen machen, beobachten
wir noch eine ringförmige Sonnenfinsternis, ein durchaus beeindruckendes
Erlebnis mit fahlem Licht und einem kleinen Temperatursturz.
Südlich von Djerba suchen wir nach einem Übernachtungsplatz am Meer, treffen
aber nur zwei Landrover aus HH, bei denen besonders der Mann im "Bosch
Service" Blaumann unangenehm auffällt. Zum Glück finden wir Elisas
Badelatsch wieder, sagen Tschüß und fahren noch bis kurz vor die Grenze.
Morgen werden wir Majed treffen und erfahren, ob es mit unserer Ausreise
nach Süden klappt und ob wir einen Führer mitnehmen müssen oder nicht.
Majed und besonders sein Bruder Assem erscheinen gut gelaunt, nehmen alle
Formalitäten in die Hand und erzählen uns, dass heute der 1. Tag von Ramadan
ist, während wir eine deutsche Reisegruppe mit unserem Vorhaben schockieren.
Nur eine lebensunlustige Lehrerin (siehe Exkurs) bedauert uns, da wir als
Individualtouristen gar nicht die Wüste sehen werden. Ich versuche aus Assem
herauszulocken, wie die derzeitige Politik im Tourismus ist, was es mit der
Führerpflicht auf sich hat und wie er unsere Chancen für den Niger
beurteilt. Dabei erfahren wir auch, dass z.Z. wieder eine französische
Gruppe an der Grenze festgehalten wird, bis ein Spezialist aus Tripolis die
3 Steine beurteilt hat, welche die Gruppe aus der Wüste mitgenommen hat. Die
beiden Brüder haben noch an der Grenze zu tun und so verabreden wir uns am
Strand von Zuara, wo wir noch ein letztes Mal im Meer baden können während
wir auf unseren Führer warten. Gegen Mittag erscheint Majed zusammen mit
Bidu, mitte zwanzig auf dem Entwicklungsstand eines 16-18 jährigen aber mit
einem gepflegten Äußeren und einer schwarzen IBM-Ledertasche, in der die
ganzen wichtigen Dokumente untergebracht sind, die unsere Reise durch dieses
Land gewährleisten sollen (meist werden sie als Schmierzettel für
irgendwelche unwichtigen Notizen benutzt). In einem Wort ein echter
Schnösel. In einem Nebensatz fragt mich Majed, ob wir den Weg kennen, da
Bidu ihn nicht kennt. Na das kann ja was werden. Ich sage ihm gleich, dass
wir die nächsten 2 Tage in Sabrata stehen und ihn nicht brauchen, er kann
gerne bei seiner Familie bleiben und Ramadan feiern. Er lässt es sich aber
nicht nehmen uns noch dahin zu lotsen, hat aber nicht kapiert, dass wir zur
Jugendherberge wollen und bringt uns zu den Ausgrabungsstätten. Na bitte,
ein echter Kenner der Materie. Kaum bei der Herberge angekommen, fängt er an
arabisch zu quatschen und wir verstehen kein Wort von dem was da verhandelt
wird, aber ich kann mir schon denken, was der Schnösel diesmal ausheckt. Ich
frage den Herbergsvater, ob er englisch oder französisch spricht und weise
ihn daraufhin, dass wir kein Zimmer wollen, sondern campen möchten.
Daraufhin schicke ich Bidu nach Hause und obwohl er dreimal fragt, ob wir
noch irgendwas brauchen, habe ich total vergessen, dass wir noch kein Geld
getauscht haben, wir aber heute Abend im Restaurant Susannes Geburtstag
feiern wollen. Der Herbergsvater (Mohamed) meint wir sollen beim Goldhändler
tauschen (da haben wir letztes Mal auch einen guten Kurs gekriegt). Gegen
17:30 machen wir uns frohgemut auf den Weg und denken gar nicht daran, dass
alle Leute hier den ganzen Tag noch nichts gegessen haben, in einer halben
Stunde aber dürfen. Wir sehen gerade noch, wie ein Laden nach dem anderen zu
macht und in Null-Komma-Nichts ist die ganze Stadt wie ausgestorben. Kein
Geld, Kein Restaurant, kein Hotel, kein Essen, keine Feier. Prima! Susannes
Laune kann sich wohl jeder vorstellen, zumal noch ein gehöriger Rückweg zu
Fuß vor uns liegt. Am Bus angekommen, überlegen wir gerade, ob wir Reis mit
Nichts oder Nudeln ohne alles essen wollen, als der Koch der Herberge in den
Schein unserer Lampe tritt, mit einem Tablett voller Essen in den Händen. Er
dacht die eines der Kinder hätte Geburtstag (von der Anmeldung) und fragte,
wie alt es geworden ist. Nach dem Festmahl gab es natürlich noch Tee und
wiederum eine halbe Stunde später soll Susanne (das Missverständnis war
inzwischen aufgeklärt) mit geschlossenen Augen in die Herberge kommen. Hier
ist noch mal eine Tafel mit Kerzen und einer frisch gebackenen Torte
aufgebaut. Der Cd-Spieler wurde extra angeschmissen und wir stopften uns
gemeinsam mit unseren Gastgebern die Bäuche voll.
Mohamed fühlt sich am nächsten Tag immer noch für unsere Geldbeschaffung
verantwortlich, schließlich hat er uns gesagt wir sollen beim Goldhändler
tauschen. So laufen wir noch mal eine Stunde durch die Stadt auf der Suche
nach einer Tauschmöglichkeit. Mohammed geht in der Gangart eines Kamels
neben mir her und flucht die ganze Zeit darüber, dass ich nicht Bidu damit
beauftragt habe, der wird ja wohl dafür bezahlt. Zu seiner Erleichterung hat
dann doch noch alles geklappt.
Inzwischen haben seine Kinder und unsere die Scheu voreinander verloren und
toben bei jeder Gelegenheit durch das halbe Haus.
Am nächsten Tag erscheint der Schnösel keine Minute zu früh zur Abfahrt, ich
erläutere ihm in groben Zügen wie wir heute fahren werden und er versucht
auf einer aus dem Internet beschafften Übersichtskarte zu folgen, beurteilte
dabei die Km-Entfernung teilweise mit dem Faktor 10, während sich Susanne
"gut gelaunt" mit den Kindern auf die Rückbank setzt. Ich denke, dass er
wenigstens die arabischen Wegweiser lesen kann, frage aber nach jeder
Kreuzung:"Are you sure?", was ihn veranlasst bei nächster Gelegenheit
jemanden nach dem Weg zu fragen. Das Ergebnis ist jedes Mal, das wir wenden
müssen und den anderen Weg nehmen. Langsam fängt er an zu nerven,
insbesondere, da wir zu Hause jede Sache 3x begutachtet haben, ob das Auto
dadurch nicht zu schwer wird und jetzt haben wir fast 100Kg völlig unnützes
Gepäck dabei. Schließlich sind wir doch noch zu fünft on Terkiba, in der
Nähe von Ubari, angekommen und die Leute hier auf dem Campingplatz können
sich sogar noch an die Namen der Kinder erinnern. Dem Schnösel habe ich
gleich gesagt, dass er hier bleiben muss, wenn wir zu den Seen fahren, da
wir sonst zu schwer sind und er konnte inzwischen sogar sein Igluzelt ohne
Hilfe aufbauen.
Alexander, ein tiefschwarzer hühnenhafter Mann /er war derjenige, der die
Kinder wiedererkannte) organisierte ein allabendliches Fußballspiel und
versorgte uns, wann immer sein Chef etwas unaufmerksam war, mit Essen,
kalten Getränken und gefrorenen Wasserflaschen. Auch für unseren Ausflug zu
den Seen gab er uns die herrlich erfrischenden "Glace" mit, denn eigentlich
wollte sich der Schnösel darum kümmern, hatte aber leider verschlafen.
Mangels anderer Reisenden machten wir uns ganz alleine auf den Weg, was
angesichts der respekteinflößenden Wüste immer eine zusätzliche Anspannung
hervorruft, auch wenn es wie hier nur 30Km in das Dünenmeer sind. Mitten auf
einem Dünenkamm kommt es fast zu einem Zusammenstoß mit einem
entgegenkommenden uralten Landrover, der von 4 äußerst sympathischen
Wahlberlinern gesteuert wird. Außerdem haben sie noch einen zünftigen Führer
dabei, vom Gesicht her der Bruder von George W. mit den Klamotten eines
Kameltreibers, ortskundig, jeden morgen 2 Joints rauchend und zu jedem
Schabernack bereit. So einen hätten wir auch gerne. Da wüsste man wenigstens
wodran man ist. Beim Schnösel denken wir immer, wir sind für seine
Ausbildung zuständig. Nach einem ausgiebigen Palaver fährt jeder seiner
Wege, bis wir an einen Steilhang einer Düne kommen, den wir runter fahren
müssten ohne zu wissen, ob wir nachher wieder hoch kommen. Da zumindest eine
von uns davon nicht überzeugt ist, beschließen wir dieses Mal auf den Besuch
der Mandarsseen zu verzichten und die Flasche Weißwein aus der Toskana für
einen anderen Ort aufzuheben. Den Nachmittag verbringen wir noch zusammen
mit den Berlinern quatschend in der Bar, um unser angegriffenes Ego wieder
ein bisschen zu beruhigen. Abends traf überraschend Assem mit einer
deutschen Reisegruppe auf dem Campingplatz ein. Er versichert mir, dass der
Schnösel unsere Ausreise in den Niger organisieren wird und verschaffte den
Kindern noch einen rasanten Ausflug in die Dünen mit seinem Fahrer Nagib.
Am nächsten Morgen ging es über Asphalt und flott Piste nach Al Katroun.
Dort angekommen zeigte sich der Schnösel sichtlich schockiert, wie
facettenreich sich sein Land präsentieren kann. Für uns wird dieses
verstaubte Wüstennest für die nächste Zeit die letzte "Metropole" mit
Vollversorgung sein. Tags darauf steigert sich sein Unverständnis, da das
Büro der Polizei nicht pünktlich um 8 Uhr öffnet, als selbst um 9 noch
keiner erschien, habe ich ihm gesagt, dass wir in Ägypten schon mal 2 Wochen
auf die Ausreise gewartet haben J. Er meinte, er wird verrückt, wenn er nur
noch einen Tag hier bleiben muss. Ca. 3 Stunden später hat er tatsächlich
alle Formalitäten erledigt, für uns einen Begleit LkW vom Zoll bis Tumu, der
eigentlich Grenzort ca. 200Km südlich, organisiert und eine komplette
arabisch-englische Routenbeschreibung bis Dirkou angefertigt. Daraufhin
habe ich ihn entlassen und er entschwand erleichtert in einem Taxi Richtung
Sebbah, von dort aus weiter mit dem Flugzeug nach Hause in die heile Welt.
Wir haben inzwischen rausgekriegt, dass wir nun selber wählen können, ob wir
in den Tschad oder in den Niger weitereisen wollen. Ein als zuverlässig
geltender Vermittler bestätigt uns, dass es hier Führer gibt, die einen
sicheren Weg, vorbei an allen Banditen und Minen, in den Tschad kennen.
Diese Aussage beinhaltet natürlich die Existenz der Gefahren, was unsere
Entscheidung selbstverständlich beeinflusst hat. Damit war die Sache klar,
wir treffen uns um 5 Uhr morgens mit dem LKW und donnern auf holpriger Piste
durch die Nacht. Der erste Kontrollpunkt in der fahlen Morgensonne wäre so
recht nach dem Geschmack des Schnösels gewesen, vielleicht hätten wir doch
auf sein Angebot eingehen sollen, uns noch bis Tumu zu begleiten.
Zwielichtige finster dreinblickende Typen in braunen Kapuzenumhängen
geschützt gegen den starken kalten Wind der vergangenen Nacht, die AK 47
lässig über die Schulter gehängt, kontrollieren sie unsere Pässe und sind
nicht in der Lage eine selbstständige Entscheidung zu treffen. Erst müssen
diverse Vorgesetzte geweckt werden. Ich steige aus und geselle mich zu
unserer Begleitfahrzeugbesatzung im Schutze Ihres LKW, schaue den Sandfahnen
zu, die über die Straße getrieben werden. Auf der anderen Seite ist eine
verrottete Tankstelle und ein Laqndcruiser-Schrottplatz (das es so was
gibt), in dessen Stacheldrahtumzäunung verfängt sich der vorbei fliegende
Müll. Ab und zu verschwindet einer der hier stationierten in einem völlig
demolierten Container dessen Tür in der oberen Hälfte durch festgeschraubte
Hartfaserplatten ersetzt ist, so dass sie eigentlich nur auf allen vieren
rein und raus können. Wahrscheinlich eine Art Aufenthaltsraum. Der
"Vorgarten" vom Container wird begrenzt durch leere Granathülsen, die
senkrecht in der Erde stecken, teilweise in der Öffnung spärlich bepflanzt.
Auf der Straße stehen verrostete Benzinfässer, von unterbeschäftigten
Soldaten total zerschossen. Endlich kommt gemächlich der Chef angeschlendert
und entlässt uns Richtung Tumu. Die Piste überrascht uns mit einigen
Asphaltpassagen und wir kommen gut voran. In Tumu kriegen wir noch 30l
Diesel geschenkt, 10Km später, am letzten libyschen Posten auf einer alten
Tankstelle, werden wir rührend mit kalter H-Milch und Äpfeln versorgt, bevor
wir die 90Km bis zur nigrischen Grenzstation Madama in Angriff nehmen.
Kleiner Exkurs, besonders für Kollegen von Susanne
Besagte lebensunlustige Lehrerin im perfekten Khakilook stürzt sich
zielsicher im weiteren Verlauf der Wartezeit auf mich ("Ach, Sie
unterrichten die Kinder selbst." - sie hatte mich erkannt) und erzählte
stolz, dass sie ja nun in der Lehrerfortbildung tätig sei, Bereich
Koordination Suchtprophylaxe Raum Hamburg und furchtbar viel zu tun hätte.
Unvorsichtigerweise gab ich zu erkennen, dass dieses Gebiet mir nicht fremd
sei, das waren meine letzten Worte. Mit "Ach" und "So, so" konnte ich ihr
beim folgenden enthusiastischen Vortrag zum Thema "Sucht" immerhin manchmal
zum Atemholen verhelfen. Die Lage Raum HH scheint dramatisch (kein Vergleich
zu Pommernproblemen mit den Hauseingängen der Nachbarn). Rauchabhängige
Kollegen einer Schule hätten schon eine Kollekte veranstaltet zur
Anschaffung eines Bauwagens (externes Gelände) welcher dann auf dem Schulhof
aufgestellt werden sollte!! Noch besser gefiel mir allerdings die Geschichte
vom Hausmeister mit Einliegerwohnung. Dieser hatte sein spärliches Gehalt
dadurch aufgebessert, dass er die abhängigen Kollegen gegen Entgelt in
seinem Wohnzimmer kampieren ließ (gr. Pause 2? o. 50ct pro Zigarette). Ist
das Ausnutzung einer Notlage? Dies zum weitererzählen an alle Raucher und
unseren lieben Hausmeister bei Pommern. Die Wartezeit an der libyschen
Grenze verflog doch schnell.
Die Bilder zu dieser Etappe gibt es in ein paar Tagen aus dem nächsten
Internetcafe.
Bis dahin aus Dirkou (Niger) Susanne, Leo, Elisa, Peter