Unsere Zeit mit dem kleinen Bürgermeister
(wir mussten leider das Attachment mit den Fotos
rausnehmen, da es zu gross war)
Für Susanne und mich ist die Sache eigentlich
entschieden. Durch die Aussage der Reiseagentur aus
Agadez uns von jedem Punkt der Strecke notfalls
abzuholen (dank GPS und Satellitentelefon), erhalten
wir die benötigte Sicherheit, Mammadou stärkt außerdem
unser Selbstbewusstsein indem er immer wieder
Vergleiche zwischen unserem Auto und den hier üblichen
Schrotthaufen anstellt. Heute werden wir unsere
Wasser- und Treibstoffvorräte auffüllen und am
Nachmittag fahren wir los. Da kommt der kleine
Bürgermeister zu uns auf den Hof und sagt, er wäre
bereit bei den Spritkosten ein Zugeständnis zu machen,
für 650 Euro bringt er uns nach Agadez. Ich schaffe es
ihn auf 580 zu drücken und er willigt ein, unter der
Bedingung, dass wir von nun an bei ihm wohnen werden,
selbstverständlich umsonst. Außer dem sonst üblichen
Lehmboden gibt es in seinem Hof sogar einige
Quadratmeter Gras und ein paar Grünpflanzen, zwischen
denen sich, fast wie im Zoo, ein Pfau, eine Art
Großtrappe, zwei Enten, eine verletzte Junggazelle und
natürlich mehrere Mäuse tummeln. So wie wir da stehen
und die Tiere betrachten, werden wir ständig von den
zahlreichen Angestellten des kleinen Bürgermeisters
beobachtet, was das Wohlbefinden etwas einschränkt.
Unser Gastgeber kommt uns dann und wann besuchen,
setzt sich wie selbstverständlich immer auf den
bequemsten unserer Stühle und nimmt sogar die
Einladung zu einem Kaffee an. Meine überraschte Frage,
ob er kein Ramadan macht, beantwortet er lapidar, das
ist nicht sein Ding, solange auf irgendeinen Genuss zu
verzichten und außerdem muß er als Bürgermeister ja
auch soviel arbeiten, dann geht das gar nicht. Sani,
sein Fahrer und sehr fähiger Mechaniker, hat sich
später mir gegenüber mal über ihn lustig gemacht, dass
der kleine Bürgermeister permanent ein Nickerchen
macht, während er (Sani) entweder ihn fährt, das Auto
repariert und dabei zwischendurch auch noch Tee kochen
muss wenn der Chef danach verlangt, sofern nicht
irgendwelche Bekannten des kleinen Bürgermeisters ihr
Auto zum reparieren vorbeibringen. Obwohl wir in der
Woche viel Zeit miteinander verbracht haben, sah ich
ihn nur zweimal etwas geschäftliches tun, in Dirkou
wurden nur widerwillig 4 Geburtsurkunden
unterschrieben und in Agadez mussten mindestens 5
Papiere des Präfekten abgestempelt werden, ein äußerst
anstrengende und die ganze Kraft fordernde Arbeit.
Gleich bei einem seiner ersten Besuche verkündet er
uns, dass die Abfahrt erst Mittwoch, also übermorgen
stattfindet, da das Auto erst noch reisefertig gemacht
werden muss (Stoßdämpfer, Federn, Reifen und div.
Motorteile wechseln) und er am Dienstag noch mal den
Präfekten von Bilma besuchen wollte. Als er dann am
Dienstagabend aus Bilma zurückkehrt, hat er seinen
Freund den Präfekten gleich mitgebracht, da der sich
diese günstige Gelegenheit auf eine Sause in Agadez
natürlich nicht entgehen lässt.
Mittwoch früh um 5:00Uhr trifft sich dann die ganze
Reisegesellschaft vor der Tür des kleinen
Bürgermeisters. Der Präfekt sitzt in seinem
Dienstwage, ein grüner Toyota Pickup, mit seiner
Zweitfrau und seiner jüngsten Tochter vorne neben dem
Fahrer, auf der Ladefläche oben auf dem ganzen Gepäck
nehmen sein Leibwächter mit seinem Vorgesetzten, ein
Polizist auf dem Weg nach Niamey, sowie 2 Frauen mit
einem Baby, einem Kleinkind und einem 10jährigen
Mädchen Platz. Im geschlossenen Landcruiser des kleine
Bürgermeisters sitzt der Chef vorne auf dem
Beifahrersitz und hinten quetschen sich
„Kannstmalrauskommen“ (den Satz hat er irgendwann bei
uns aufgeschnappt und wiederholt ihn nun bei jeder
Gelegenheit) mit seinen Kumpels auf die Rücksitzbank,
der Rest des Platzangebotes ist mit
30l-Plastikkanistern voll Benzin, Ersatzreifen, ca.
20-30 Baguettes und allerlei anderem Esskram
ausgestopft. Der kleine Bürgermeister ist der einzige,
der kein GPS dabei hat, er ist aber auch der einzige,
der den direkten Weg von Dirkou nach Abre de Ténéré
kennt und fährt deshalb voraus. Zwischen dem Präfekten
und uns, den Finanziers der ganzen Sache, gibt es
kurzfristig ein kleines Gerangel um den nachfolgenden
Platz in der Kolonne, das der Präfekt zunächst für
sich entscheiden kann. So donnern wir mit 80-90 Km/h
schräg hintereinander durch die Nacht. Der Untergrund
ist anfangs noch fester Sand und wird dann immer öfter
von dem so genannten Cram-Cram durchsetzt, eine
büschelartig auftretende Grasart mit unangenehmen
Kletten, die sich sogar direkt auf der Haut verhaken.
Meist gehen die Cram-Cram-Felder mit weitläufigen
Tiefsandpassagen einher und die vorausfahrenden
Fahrzeuge hinterlassen schlingernde Spuren auf der
Suche nach etwas festerem Untergrund. Als dritter
können wir die Situation natürlich am besten
beurteilen und besitzen die Unverfrorenheit beinahe
den Präfekten zu überholen. Das kann der Fahrer
desselben aber gerade noch mit einem entschlossenem
Lenkmanöver vor unseren Kühler verhindern. Da ich
nicht aufs Ganze gehen will, bleibt uns nur die
Sandbleche rauszuholen und uns wieder frei zu buddeln.
Wenigstens ist der Präfekt so anständig seine Leute
uns zu Hilfe zu schicken, nachdem er wieder eine feste
Stelle unter den Rädern hat. Ich denke schon, ich bin
der blöde Fremde, der mit den Verhältnissen hier nicht
klar kommt, als der kleine Bürgermeister mit buddeln
an der Reihe ist. Wir nutzen derweil die Gelegenheit
zur kurzen Pause (dem Bürgermeister wird nicht
geholfen) und alle kommen, wie auch bei den späteren
Pausen, zu unserem Auto, um die Inneneinrichtung und
unser Navigationssystem zu bewundern. Besonders der
Präfekt zeigt sich beeindruckt von unserem
„formidablen“ Gefährt und ich betone immer, dass es
sich hierbei um unser Haus für die nächsten Monate
handelt. Als es weitergeht, wird die Landschaft
deutlich eintöniger, vermutlich auch ein Grund für den
kleinen Bürgermeister erst einmal ein wohlverdientes
Nickerchen zu halten. Irgendwann ist vom Präfekten
nichts mehr zu sehen, ich weiß gar nicht wie ich es
geschafft habe, mich an ihm vorbei zuschmuggeln. Wir
halten an und man bedeutet uns der ist irgendwo weiter
hinten mit Reifenproblemen stecken geblieben. Es
scheint aber sonst weiter keinen Grund zur Besorgnis
zu geben, denn jetzt wird erstmal was zu essen
rausgeholt. Als der Präfekt dann eine halbe Stunde
später bei uns eintrudelt, ist er fast ein wenig
ungehalten, wie er die abgenagten Hühnchenknochen und
die leeren Ölsardinendosen im Sand liegen sieht. Den
kleinen Bürgermeister berührt das jedoch nicht, er
steigt ein und weiter geht’s.
Bei der etwas längeren Mittagspause am Abre de Ténéré,
ein komischer Ort mit einem 30m tiefen Brunnen und
einem merkwürdigen Metalldenkmal für einen hier
ehemals stehenden Baum (daher der Name), müssen die
Fahrer die ganzen (3) bisher zerschlissenen Reifen
reparieren, vielmehr Reserveräder waren auch nicht
mehr vorhanden und es liegen immer noch 260Km vor uns.
Wir sitzen unter unserer Markise im Schatten, essen
soeben zubereitete Suppe, pumpen die soeben
reparierten Reifen der anderen mit unserem Kompressor
wieder auf und „kannstmalrauskommen“ lässt sich zu der
Aussage hinreißen, unser Auto ist kein „maison“
sondern „une ville“.
Im weitern Verlauf der Fahrt gibt es noch
Abstimmungsprobleme, wann und wo das Abendgebet und
das Abendbrot stattfinden wird, dem Präfekten schien
ersteres mehr am Herzen zu liegen während der kleine
Bürgermeister wohl mehr an letzteres dachte. Aber auch
das konnte geklärt werden und wir fahren auf sich
durch ausgetrocknete Flussbetten windende Spuren durch
die Dunkelheit Richtung Agadez. Da wir weder die
Strecke kennen, noch bereit sind unserem Auto
irgendeinen Schaden zuzufügen, fahren wir deutlich
langsamer als die anderen und fallen weit zurück. Ich
frage mich schon, wie der kleine Bürgermeister sicher
stellen will, das wir (und damit sein Lohn) ihm jetzt
nicht mehr abhanden kommen, schließlich ist der Weg
nicht mehr weit und einfach zu finden, als plötzlich
das Auto des Präfekten am Wegesrand steht und der
Fahrer uns bedeutet, an ihm vorbei zu fahren. Jetzt
haben sie uns also in der Mitte und der Präfekt muss
in unserer Staubfahne fahren. Nach 17 Stunden Fahrt,
um 22:00Uhr kommen wir in Agadez an und beziehen in
einem geräumigen Hof mit sauberer Dusche und klo bei
einem Freund des kleinen Bürgermeisters Quartier.
Am nächsten Tag machen wir einen kleinen Statdbummel
und haben beim Rückweg einige Schwierigkeiten in dem
hellbraunen Lehmhauseinerlei wieder nach Hause zu
finden und als wir abends trotz sorgfältig gemerkter
Orientierungspunkte aus dem Restaurant kommen, müssen
wir tatsächlich das GPS einschalten.
Die Zeit in Agadez ist geprägt von Besuchen des
Präfekten und des kleinen Bürgermeisters, der
inzwischen schon völlig ungeniert in den auf unserem
Tisch herumliegenden Essenssachen herumstöbert und
dabei „Maisbrei“ oder „Schmalibuh“ vor sich
hinmurmelt. Sani bringt inzwischen alle Autos, auch
unseres, wieder auf Vordermann und der Präfekt erzählt
uns, dass heute drei Flugzeuge mit Touristen gelandet
sind. Offensichtlich haben sich die beiden die Zeit am
Flugplatz vertrieben und da ich interessehalber
nachgefragt habe, erhält der Bürgermeister sofort eine
Rüge, warum wir nicht im Vorfeld über dieses
bedeutende Ereignis informiert wurden, dann hätten wir
auch zugucken können. Als Ausgleich soll es heute
Abend zu einer kleinen Veranstaltung gehen. Um
20:00Uhr werden wir abgeholt und es geht im Eiltempo
in einen großen Hof mit vielen Fahnen und Soldaten.
Sani erzählt uns, wir sollen sitzen bleiben, hier sind
wir beim großen Gouverneur aber die Veranstaltung ist
woanders. Kurz darauf springt alles in die ca. 15
Fahrzeuge und mit Polizeieskorte und Warnblinklicht
geht es zur nächsten Station, unser Bus immer
dazwischen mit dabei. Wir sind noch etwas
unentschlossen, während alle anderen bereits im Haus
verschwunden sind und sich in die an den Wänden
platzierten Stühlen gesetzt haben. Der kleine
Bürgermeister kommt uns holen, wir betreten als letzte
den Raum, der Präfekt bedeutet, uns wir sollen dem
Gastgeber begrüßen und der kleine Bürgermeister stellt
uns die verschiedenen Leute vor, denen wir allen
einzeln die Hand schütteln: Der Sultan von Agadez
(oberster Tuareg des Air), der Tourismusminister vom
Niger, der Minister für Kommunikation vom Niger, der
Polizeipräfekt von Agadez und noch einige andere
wichtige Leute. Schade das Elisa zu diesem Zeitpunkt
krank bei uns im Auto geschlafen hat, diese Ereignis
hätte ich ihr auch gegönnt. Nachdem wir ca. 5min etwas
fassungslos da gesessen haben, springen alle wieder
auf und in eiliger Hast geht es zur nächsten Station,
eine kurze Hotelbesichtigung und dann weiter zur
eigentlichen Veranstaltung, dem bunten Abend mit Speis
und Trank zu folkloristischer Musik mit Tanz. Bis
jetzt waren wir die einzigen Weißen, nun kommen noch
einige andere, offensichtlich ortsansässige, die uns
zum Teil etwas verwundert angucken. Als das Essen
beendet ist, löst sich die ganze Gesellschaft relativ
schnell wieder auf und unsere beiden Freunde
spendieren uns noch ein Getränk an der Bar, laden sich
dann zwei Bordsteinschwalben ins Auto, bringen uns
nach Hause und ziehen erleichtert von dannen, nachdem
wir sie aus ihrer Gastgeberpflicht entlassen haben.
Tags darauf kommt der Präfekt zu Besuch, justament als
wir zu einer Besichtigung der touristischen Höhepunkte
der Stadt aufbrechen wollen, eine vollkommen aus Lehm
erbaute Moschee, die Silberschmieden und
Stoffdruckereien. Sofort sind wir wieder in seiner
Obhut und bekommen überall Einzelführungen bzw. wenn
etwas geschlossen hat, wird selbstverständlich der
zuständige Mensch geholt, damit es für uns geöffnet
wird. Bevor er den ganzen Tag mit uns verbringt,
bedanken wir uns und gehen ins Internetcafe.
Einen Tag ruhen wir noch aus, bevor wir uns von allen
verabschieden und uns zunächst Richtung Süden auf den
Weg in Tschad machen. Allerdings mussten wir
versprechen auf unserer Rückreise wieder hier vorbei
zu kommen und da die möglichen Routen von Süd nach
Nord für Europäer nicht so reich gesät sind, werden
wir das auch machen.
Bis dahin Susanne, Leo, Elisa, Peter
N’Djamena, 3.11.05
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