Am Limit Teil I
10.11. – 15.11.
Wir sind in Afrika. Deshalb können wohl getroffene
Entscheidungen, gut überlegte Pläne oder als fest
angenommene Verabredungen innerhalb von Tagen, Stunden
oder manchmal sogar Minuten einfach über den Haufen
geworfen werden und genau durch das Gegenteil ersetzt
werden, mit dem innbrünstigem Gefühl der Überzeugung
jetzt aber wirklich das absolut Richtige zu tun bzw.
um dann festzustellen, dass die Verabredung doch nicht
so wichtig ist. Die Botschaft des Sudan vertröstet uns
erst auf Nachmittags – keine Überraschung für einen
Afrikareisenden – um uns dann unsere Pässe mit dem
begehrten Visum auszuhändigen, welches zumindest in
Peters Fall nach genauerer Prüfung zurück auf dem
Campingplatz, noch niemals gültig war oder jemals sein
wird: Ausgestellt am 9.11.05 gültig bis 8.11.05! Auf
Grund der Offensichtlichkeit des Schreibfehlers
(Susannes Visum gilt bis zum 8.Dez) beschließen wir,
der Diskussion darüber an der Grenze gelassen entgegen
zusehen und auf einem weiteren Besuch bei der
Botschaft zu verzichten. Am nächsten Morgen sind wir
schon früh abfahrbereit und verlassen N’Djamena über
eine lange Brücke über den Chari auf gutem Asphalt
Richtung Süden. Bereits 110Km später, in Guelengdeng
wo die Straße nach Sarh Abzweigen soll, müssen wir
dreimal nachfragen ob der Feldweg tatsächlich die auf
der Michelinkarte eingetragene Hauptstraße sein soll
und in welche Richtung die schöne Asphaltstraße geht,
die wir mit unserer Karte überhaupt nicht in Einklang
bringen können. Am besten informiert sind in diesem
Fall immer die Araber mit eigenem Auto (Landcruiser –
das ist in Nordafrika ein Synonym). Nach einer kurzen
Rückfrage, wo wir denn generell hinwollen (ZAR),
kriegen wir eine eindeutige Antwort – Asphalt bis
Moundou dann 100Km Piste bis Goré, kein Problem. Also
wird es nichts mit dem Nationalpark, dafür sind wir
heute Abend schon in Moundou in der Nähe der Grenze
anstatt erst nach fünf bis sieben Tagen übelster
Piste. So fahren wir an der Grenze zu Kamerun durch
sumpfige Landschaft, die ideale Bedingungen für den
von den Taiwanesen hier etablierten Reisanbau bietet.
Kleine Dörfer gibt es jetzt keine mehr, vielmehr
wohnen die Leute in Familienbande in winzigen Gehöften
auf halligartigen Hügeln, bestehend aus fünf bis sechs
um einen großen gemauerten Ofen kreisförmig
angeordneten 10qm Häusern, auf deren Dächern
zahlreiche Kürbisse prächtig gedeihen. Auf einem
kleinen Markt, wo wir uns mit etwas Reiseproviant –
gebackene Süßkartoffeln und Teigtaschen – versorgen,
fragt uns eine stattliche gut gekleidete Schwarze, ob
wir in die nächste Stadt (60Km) noch einen Platz frei
haben. Ich vergewissere mich, dass sie wirklich
alleine ist, bevor ich ihr zusage, bemerke aber, dass
ich vergessen habe zu fragen, wie viel Gepäck sie
dabei hat, als ihre beiden Kinder einen Riesensack mit
was-weiß-ich-allem in unser Auto hieven, so dass Leo
und Elisa gerade noch ihre Füße in Sicherheit bringen
können. Als ich sie dann an der Ortsumgehung des
vermeintlichen Ziels frage, wo ich sie rauslassen
soll, weil wir nach Moundou weiterfahren, sagt die
Matrone, da kommt sie gleich mit, da wollte sie
sowieso hin. Also haben wir sie die weiteren 90Km auch
noch mitgenommen. Ca. 1,5 Stunden vor Sonnenuntergang
erreichen wir Moundou und bis jetzt haben wir noch
nicht viele Möglichkeiten für einen schönen
Übernachtungsplatz gesehen. Darum beschließen wir hier
zwar nach einem Hotel oder etwas ähnlichem Ausschau zu
halten, aber auf jeden Fall die Dieseltanks
aufzufüllen, um dann evtl. doch noch weiterfahren zu
können. An der Tankstelle spreche ich den Tankwart auf
sein Holsten-T-Shirt an und er erklärt mir, dass er
einen Deutschen kennt, der Matthias heißt. Das tue ich
auch, sage ich ihm, aber um einer Diskussion um
potentielle gemeinsame Bekannte vorzubeugen, füge ich
hinzu, dass es davon viele gibt in Deutschland. Da
guckt er mich etwas erstaunt an und versichert mir,
dass sein Matthias hier in Moundou wohnt, zusammen mit
seiner Frau und seinen zwei Kindern. Das lass ich mir
genauer erklären und keine 10 Minuten später stehen
wir auf dem Hof des christlichen Jugendkulturzentrums
und unterhalten uns mit Melina, der amerikanischen
Frau von besagtem Matthias. Wir werden sogar zum
Abendessen eingeladen, während dessen wir einen
Einblick in ein ganz anderes Leben von Europäern in
Afrika bekommen, als wir es bis jetzt gewohnt waren.
Ganz ohne Hausangestellte und ohne alle anderen
kolonialistischen Gepflogenheiten, die sonst fast
selbstverständlich zu sein scheinen und von großem
Haus mit Pool bis zur Mitgliedschaft im Lionsclub o.ä.
reichen können, leben sie hier ohne die möglichen
Annehmlichkeiten aber natürlich mit allen ortsüblichen
Schwierigkeiten, wie nicht durchgehender Strom- und
Wasserversorgung oder Lebensmittelbeschaffung
teilweise in N’Djamena etc., um einigen
leistungsbereiten jungen Menschen eine Ausbildung und
die nötige Lebenshilfe zu geben, damit sie ihr Leben
auf einem etwas höheren Niveau führen können. Wir
empfinden viel Respekt für die Beiden.
Tagsdarauf unterhalten wir uns noch ein wenig mit
Melina bevor wir aufbrechen und die gute Asphaltstraße
verlassen. Auf der Piste nach Goré tauchen wir nun in
den grünen Tunnel ein, den die immer dichter werdende
Vegetation um die einspurige rote Fahrspur baut, und
den wir, abgesehen von der vergleichsweise kurzen
Teerpassage vor und nach Bangui, erst ca. 2.700Km
später (ungefähr Berlin-Lissabon) wieder verlassen
werden. Von Goré sind es noch 20 mühsame Kilometer bis
zur Grenze und ich weiß nicht warum, aber irgendwie
denkt man immer im nächsten Land wird alles besser.
Deshalb zahle ich gerne die 3’ CFA beim Zoll (sogar
gegen Quittung) für den Stempel im Carnet und
diskutiere auch nicht lange an dem letzten
Kontrollpunkt wegen der weiteren 3’ CFA für gar nichts
und ohne Quittung. Wie überrascht bin ich dann nach
der Durchquerung des Grenzflusses an der
vermeintlichen Einreisestation der ZAR, als die
Staatsgewalten dreigeteilt (Police, Gendarmerie,
Custom) mit weitaus höheren Forderungen auftreten ohne
irgendwas zu leisten, da es sich hier lediglich um die
erste Kontrolle handelt. Da aber sogar die Fahrer und
Passagiere der einheimischen öffentlichen
Transportmittel (voll beladene Pickups) wortlos ihren
Obolus entrichten, gehen mir die Argumente aus und ich
versuche es als eine Art Eintrittsgeld zu betrachten
für die Vorstellung, die der plumpe Soldat in
Vortäuschung irgendwelcher sinnlosen Registrierungen
auf zerknülltem Schmierpapier bietet, als er versucht
meine Passnr. Aus dem auf dem Kopf stehenden Pass
abzuschreiben während sein Maschinengewehr bei jedem
Ansetzen des Stiftes von der Schulter rutscht und
entweder gegen den Tisch oder sein Schienenbein haut.
Die tatsächliche Erledigung der Einreiseformalitäten
findet dann ein paar Kilometer später statt. Der Zoll
verlangt wieder unverschämt viel Geld, lässt sich aber
runterhandeln und stempelt tatsächlich das Carnet ab.
Die Gendarmerie ist so dienstbeflissen, freundlich und
korrekt, dass wir spontan beschließen nach der
Möglichkeit des Nachtlagers zu fragen, da die
Tageszeit ob der vielen Verhandlungen bereits soweit
fortgeschritten ist. Daraufhin wird uns sogar der Chef
der Station vorgestellt und es stellt sich heraus,
dass er früher in Obo stationiert war, in der Nähe der
Grenze zum Südsudan, also in dem Gebiet, über das wir
immer noch Informationsbedarf haben, da es sich hier
um den schwierigsten Teil unserer Route handelt. Ich
lasse mir alles ganz genau erklären, hake mehrmals
nach und versuche die Qualität der Piste zu
beurteilen, indem ich ihn nach möglichen Tagesetappen
befrage, da solche Attribute wie „bon“, „trés bien“,
„mauvais“ oder „trés mauvais“ völlig aussagelos sind,
wenn man nichts über die Wertmaßstäbe der Person weiß.
Über die Strecke bis Bangui sagt er, man schafft sie
an einem Tag, das einzige Problem stellen die „coupeur
de la route“ dar, gemeint sind die korrupten
Polizeikontrollen, die sich auf anderer Leute Kosten
zu bereichern versuchen. Aber wer weiß ob sie
überhaupt ihren Lohn erhalten oder ob es ihnen wie dem
örtlichen Lehrer geht, der 10 Monate kein Gehalt
bekommen hat bis er seine Sachen gepackt hat und
woanders Arbeit gesucht hat. Jetzt gibt es hier halt
keine Schule mehr und die hiesigen Kinder kriegen
weder Bildung noch Disziplin beigebracht. Nachdem wir
ins Bett gegangen sind hören wir aus dem benachbarten
Ort den Klang von Holztrommeln und Gesang, es ist
Freitagabend und wir sind definitiv in Afrika, wo der
ewige Widerspruch herrscht zwischen wilder Romantik
und absoluter Sinnlosigkeit.
Die nächsten beiden Tage sind in meinem
Stichpunkttagebuch jeweils mit „nervigster Tag bisher“
gekennzeichnet. Die Piste ist überraschend flott, man
fährt mit bis zu 60 Km/h, alle 5-10Km öffnet sich der
grüne Tunnel etwas und man passiert ein Dorf, dessen
Bewohner alle ausnehmend freundlich sind aber leider
kann man das alles nicht genießen, da man nur von dem
einen Gedanken beherrscht wird: Wann kommt die nächste
Polizeikontrolle und wie ist die beste Taktik sie
schnell und kostengünstig zu überwinden. In unserer
Routenbeschreibung steht, das nach irgendwelchen
Fehlern am Fahrzeug gesucht wird, aber diese
Beschreibung ist 10 Jahre alt und auch die Polizisten
haben dazugelernt. Sie benötigen überhaupt keine
Rechtfertigung – Du willst an der Schranke vorbei also
musst Du bezahlen- und das alle 40Km. Am perfidesten
zeigte sich der Zoll an der Eingangskontrolle von
Bossangoa, der ernsthaft damit droht das Auto an die
Kette zu legen, wenn nicht die 5’CFA bezahlt werden.
Als ich das Geld aus dem Auto geholt habe sagen sie,
nicht „cinq“ sondern „quinze“, ob ich irgendwas an den
Ohren hätte. Beim widerwilligen ausfüllen der
Quittung, auf die ich bestehe, murmelt er zehnmal
„quinze“ und tut so als wenn er nicht schreiben kann,
bis dann endlich „cinqe“ dasteht. Ich bin stocksauer
und darunter leidet dann das Auto, da ich etwas
ungestümer fahre und die eigentlich freundliche
Bevölkerung, weil wir mit dem ganzen „Pack“ nichts
mehr zu tun haben wollen. Bis zum Abend haben wir sage
und schreibe 250Km geschafft, sind also ca. 5 Stunden
gefahren und haben weitere 5 Stunden für sinnlose
Diskussionen mit unangenehmen Leuten verbracht, die
einen wie den letzten Dreck behandeln, obwohl sie
teilweise 20 Jahre jünger sind, die keinen Respekt und
keinen Stolz haben, nicht mal für ihr eigenes Land.
Eigentlich wollten wir in Bossembele, der nächsten
größeren Stadt bei der Mission übernachten, aber
soweit sind wir gar nicht gekommen. Deshalb
entscheiden wir uns bei einem alleinstehenden Haus mit
dem Schild „Chef de Village“ zu fragen. Als wir auf
den Vorplatz des Hauses fahren, tritt sogleich der,
wie ich später bemerken muss, äußerst angetrunkene
Chef persönlich vor die Tür und versichert uns
mehrmals, dass es für ihn eine große Ehre ist wenn wir
bei ihm stehen und er alles in seiner Macht stehende
tun wird, damit wir eine ruhige Nacht verbringen.
Seinen Söhnen, die einen sehr aufgeweckten Eindruck
machen, ist der Zustand des Vaters ein wenig peinlich
und sie übersetzen uns immer wieder wenn wir das
Gelalle des Vaters partout nicht verstehen können.
Außerdem erklären sie uns ganz genau wie ihre
Maniokwirtschaft funktioniert während Susanne die
ganze Familie mit Tee aus Teebeuteln überrascht. Von
den 18 Kindern, die die Frau des Hauses zur Welt
gebracht hat, waren allerdings nur 12 anwesend. Wir
erklären ihnen, dass wir sehr müde sind und früh
schlafen gehen möchten und sie halten sofort
respektvoll Abstand, so dass wir uns in Ruhe waschen
können.
Am nächsten Tag sind wir von den endlosen Kontrollen
dermaßen genervt, dass wir beschließen an Bangui
einfach vorbei zufahren, um wenigstens die Kontrollen
in der Stadt zu umgehen, und direkt über Sibut weiter
nach Osten, so schnell wie möglich aus diesem Land
heraus. Doch an dem letzten Kontrollpunkt vor Bangui
steht vor uns ein Geländewagen mit 4 jungen Franzosen
auf einem Ausflug, von denen uns Laurent zu sich in
sein Haus einläd und Adrien sich anbietet uns eine
gefälschte „Ordre de Mission“, ein Art Passierschein
für die Kontrollen, zu besorgen. Diese Aussicht lässt
uns unsere Entscheidung wieder revidieren und wir
verbringen den Rest des Tages im „Grand Café“ von
Bangui wartend auf die Frabzosen bei allerlei
Leckerein und Satellitenfernsehen. Abends kommen die 4
zurück und nachdem mich Laurent mit den drei goldenen
Regeln der Polizeikontrollen vertraut gemacht hat –
nicht aussteigen – nicht den Motor abschalten – keine
Originalpapiere herausgeben – kommt Adrien mit einer
druckfrischen „Ordre de Mission“ auf dem Briefpapier
des Ministers und mit seinem Stempel, nach der wir bis
zur Grenze des Sudan Kontakt mit den Jägern vom Stamme
der Pygmäen aufnehmen sollen, dass es dort gar keine
Pygmäen gibt, gerät dabei zur Nebensache. Wir
quatschen noch bis spät in die Nacht und stehen doch
pünktlich auf um Punkt 3 der goldenen Regeln in
Angriff zu nehmen: mehrere zertifizierte Fotokopien
aller wichtigen Dokumente. Die Kopien machen wir bei
Laurent im Büro und der nutzt die Gelegenheit mich dem
hiesigen GTZ (Gesellschaft für technische
Zusammenarbeit) Leiter Hajo von Hörsten vorzustellen.
Wir sind uns sofort sympathisch und verabreden uns
spontan zum Mittagessen. Vorher gehe ich ins Rathaus
um die Kopien beglaubigen zu lassen, merkwürdigerweise
werden die Originale dafür nicht benötigt. Das
anschließende delikate Mittagessen hat uns nicht nur
körperlich gestärkt, die ausgesprochen angenehme,
aufrichtige und unkomplizierte Art von Hajo hat
unserer Seele nach den vorausgegangenen Erlebnissen an
den Polizeikontrollen gut getan und er hat abends
sogar noch eine Einladung zum Geburtstag verschoben um
uns am „Bangui Plage“, ein Restaurant am Ufer des
Oubangui mit Blick auf die Demokratische Republik
Kongo, noch ein paar Momente zu verbringen.
Tags darauf wollten wir nach einem Ausflug in die City
auf keinen Fall gegen irgendeine Verkehrsregel
verstoßen und landen direkt vor dem Präsidentenpalast
in einer Sackgasse, sofort von allen Seiten von
Soldaten bestürmt, die dachten sie könnten uns jetzt
ausquetschen aber wir haben nur die Kopien
herausgegeben und wurden zähneknirschend mit dem
Auftrag entlassen, mit den Originalpapieren zurück
zukommen. Na klar .
Nach erfolgreicher Absolvierung dieser kleinen
Trainingseinheit verbrachten wir den Nachmittag damit
die aus Deutschland mitgebrachten Vorräte an
Leberwurst, Lachs, Salami und Schinken von Hajo zu
vernichten. Ich glaube wir sind bei ihm eingefallen
wie die Heuschrecken aber wir haben uns dabei gut
unterhalten. So konnten wir frisch gestärkt und wohl
präpariert der nächsten Etappe in den Sudan entgegen
sehen.
Wir wünschen allen ein frohes Weihnachtsfest und ein
gesundes neues Jahr.
Susanne, Leo, Elisa, Peter
Tiwi Beach, 19.12.05
PS: Ich habe unter
http://uk.groups.yahoo.com/group/slep_afrika/files/
nochmal alle Berichte ins Netz gestellt, da sind dann
auch alle mit Fotos dabei (Schnoesel, Buergermeister).
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