Am Limit Teil II
16.11. – 5.12.
Laurent, unser Gastgeber der letzten Tage, hat immer
betont, wir können auch noch 3 Monate bei ihm wohnen
bleiben, er fühlt sich sowieso etwas einsam alleine in
seinem Haus und wir haben in der Tat die
Selbstverständlichkeit genossen, mit der wir hier
aufgenommen wurden aber es lag mit der vor uns
liegenden Strecke eine große Aufgabe vor uns, wie groß
diese dann wirklich sein wird konnten wir zwar noch
nicht ermessen, aber wir spürten, dass wir an diesem
Mittwoch losfahren sollten. Wie fast alle weißen
NGO-Mitarbeiter (Non-Government-Organisation) in
Bangui begannen wir den Tag mit einem Frühstück nach
Wahl im „Grand Café“ zusammen mit Laurent und Hajo,
der uns noch die an den Polizeikontrollen sehr
hilfreichen Autotüraufkleber der GTZ zur Verfügung
stellte. Obwohl wir erst zum dritten Mal hier im Café
waren und eigentlich keiner wusste, dass wir heute
abfahren wollen, brachte der Kellner speziell für uns
eine Kollektion verschiedener Konfiserie-Artikel als
Aufmerksamkeit und auf Kosten des Hauses. Das passte
genau in das Bild, welches die Stadt und die Leute,
die wir hier kennen gelernt haben, in unseren Köpfen
hat entstehen lassen, ebenso wie die spätere spontane
Verabschiedung an der Tankstelle durch die junge
Französin, die uns auf dem Weg zur Arbeit dort hat
stehen sehen, wie wir alle unsere Tanks bis zum Rand
befüllen ließen, und extra noch mal angehalten hat,
als würde sie uns schon lange kennen, um uns alles
Gute für unsere weitere Reise zu wünschen. Auf die
eine Art fiel es uns schwer Bangui zu verlassen,
andererseits hatten wir bei bestimmten Menschen die
Gewissheit, dass der Kontakt bestehen bleibt und wir
uns in Europa wieder sehen werden, so intensiv waren
diese 3 Tage.
Beim Verlassen der Stadt fuhren wir noch etwas
unsicher an den ersten Kontrollposten heran und
zeigten fast schüchtern unsere „Ordre de Mission“ um
dann freudig die Wirkung dieses schnöden Stück Papiers
aufzunehmen. Von Posten zu Posten wurden wir
zuversichtlicher und die niederen Schergen, die den
Botendienst zwischen uns und ihrem Chef ausführten,
trauten sich kaum nach Kaffee, Zucker oder Journalen
zu fragen. Zu meinem größten Bedauern musste ich sie
dann immer auf unsere Rückreise vertrösten, dann
werden wir bestimmt etwas für sie dabei haben ?.
Bis Sibut fuhren wir auf ausgezeichnetem Asphalt durch
hügelige Landschaft mit tropischer Vegetation. Die
wenigen Fahrzeuge, die hier unterwegs waren, sahen von
hinten aus wie die gewohnten überladenen Pickups, erst
beim Überholen erkannte man, dass es sich um normale
PKW’s handelte mit Passagieren im Innenraum, Unmengen
von Warenbündeln lose auf dem Dach befestigt, dahinter
standen wiederum Passagiere zwischen Heckscheibe und
geöffneter Heckklappe, die durch zwei Holzknüppel
offen gehalten wurde, damit die Leute auf den ganz
billigen Plätzen im Kofferraum den Deckel nicht bei
jeder Bodenwelle auf den Kopf kriegen.
Unser Ziel für heute sollte eigentlich Alindao sein,
wo vor kurzem ein Deutscher Bischof geworden ist aber
wir haben schon in Bambari bei der katholischen
Mission Station gemacht, da wir trotz guter Piste ab
Sibut erst nach Einbruch der Dunkelheit in Alindao
angekommen wären. Durch hohe Mauern standen wir hier
gut geschützt auf dem geräumigen Hof zwischen Bäumen
mit Zugang zu Dusche und Toilette. Eigentlich ein
perfekter Platz für eine ruhige Naqcht, wenn da nicht
gegen 22:00h ein LKW mit einer Ladung Ziegen
eingetroffen wäre, die den Lauten nach entweder schon
lange nichts mehr zu trinken gekriegt haben oder
einfach nur Unmut darüber äußern wollten, dass sie
nach der langen Fahrt nun auch noch die kommende Nacht
mit zusammengebundenen Beinen auf der Ladefläche
verbringen sollten.
Am kommenden Tag bekam unser frisch gestärktes
Selbstvertrauen bei der Kontrolle in Kembe wieder
einen Dämpfer, da der Chef des Postens offenbar schon
aus Bossangoa über unser Kommen informiert wurde.
Aufgrund des Alkoholpegels war er zwar nicht besonders
gut zu verstehen aber den Namen des Ortes hat er
mehrfach genannt und unsere „Ordre de Mission“ hat ihn
überhaupt nicht beeindruckt, er wusste ganz genau,
dass wir Touristen sind. Zu seinem Unglück hatte er
zwar außer den Fotokopien nichts in der Hand, aber die
Schranke hat er erst aufgemacht, als sein noch
nüchterner Scherge kalte Füße bekam, da Susanne mit
unserem kaputten (!) Überfallhandy den Minister
persönlich „angerufen“ hat.^
Bangassou erreichten wir 10 Minuten vor Beginn der
Abendmesse, gerade noch genug Zeit in dem Chaos des
hier stattfindenden Kirchentages einen Stellplatz für
die Nacht zu sichern und ein paar Worte mit einem
Deutschen zu wechseln: Peter: „Wo kommen Sie denn
her?“ „Aus Alindao.“ „Ah, da wohnt doch auch der
Bischof - - - äh, sind Sie das?“ – etwas peinlich.
Nach der Messe mit schönen Gesängen in der für diese
Gegend sehr eindrucksvollen Kirche, versucht ich noch
mal Kontakt mit ihm aufzunehmen um evtl. einige
Informationen über die weitere Strecke zu bekommen.
Ich irrte etwas hilflos mit den beiden Kindern an der
Hand durch die Menschenmenge in der fast vollkommenen
Dunkelheit und stand plötzlich vor zwei netten
Schwestern aus Zemio (liegt genau auf unserer Route),
die mich mit sehr exakten Detailinformationen bis Obo
versorgten, da sie ja gestern erst dort lang gefahren
sind. Es gibt offensichtlich doch so etwas wie Fügung.
Eigentlich sollten wir hier, 650km von der Grenze
entfernt, auch noch unsere Ausreiseformalitäten
erledigen aber wir scheuten uns immer noch vor den
offiziellen Stellen, besonders wenn sie unsere Pässe
in die Hand nehmen und riskierten dafür, an der
„Grenze“ die Ausreise erkaufen zu müssen. Das Carnet
wollten wir überhaupt nicht mehr zeigen, schließlich
werden wir ja irgendwann wieder einen Einreisestempel
bekommen, pikanterweise war dies aber weder im Sudan
noch in Uganda der Fall, dafür kriegten wir bei der
Ausreise Uganda dann den Stempel für die Ausreise der
Zentralafrikanischen Republik – etwas verwirrend aber
dafür sieht das Carnet jetzt wieder ordentlich aus.
Bevor wir Bangassou und damit das letzte bisschen
Zivilisation in Form von fließendem Wasser und
elektrischem Licht für die nächsten 1.400km und 15
Tage Richtung Rafai verließen, füllten wir noch mal
unseren Tank an der einzigen Tankstelle im Umkreis von
mehreren 100km. Ab hier wurde auch das Schlagen und
Schleifen der Gräser und Blätter an den Spiegeln und
Seitenwänden des Busses zu unserem täglich Begleiter,
so eng zog sich die Vegetation um die selten befahrene
Piste. Entgegenkommende Radfahrer wurden einfach
verschluckt, wenn sie schwer beladen und ohne Bremse
uns nach rechts oder links auswichen. Plötzlich parkte
vor uns ein LKW, die Besatzung lümmelte gelangweilt
auf dem Boden daneben und fragte mich erfreut über die
Abwechselung, ob wir heute in Bangassou losgefahren
sind. Die Verneinung meiner ebenso gestellten
Gegenfrage ließ mich erstmal Schlimmes befürchten aber
sie konnten mich mit dem Hinweis auf unser Auto und
der Aussage, dass wir vorbeifahren könnten, schnell
wieder beruhigen. Vor dem geparkten LKW erstreckte
sich ein ca. 15-20m langes Modderloch voll Wasser mit
fast 1m hohen senkrechten Wänden, an dessen Ende ein
weiterer LKW stand, mit den Vorderrädern hatte er die
50-60cm hohe Stufe zur Ausfahrt aus dem Loch bereits
bewältigt, die Hinterräder standen noch im Wasser. Die
Passagiere lagerten mit Feuerstelle und allerlei
Gepäck davor, während der Fahrer mit seinen Gehilfen
dabei waren irgendeinen Schaden an der Hinterachse zu
beheben. Auf der linken Seite führte eine recht
passabel wirkende schmale Umfahrung mit kleinem
Wasserloch um alles herum. Wir waren nach 5 Minuten
auf der anderen Seite und ärgerten uns mal wieder,
dass wir keine Zigaretten dabei hatten für die wohl
noch etwas länger hier bleibenden Leute.
Nach 6 Stunden Fahrt, genau die Zeit, die die
Schwestern aus Zemio vorausgesagt hatten, sind wir in
Rafai angekommen. Die katholische Mission steht in
Abwesenheit der Kirchentagdelegation unter dem
strengen Regiment der Wirtschafterin. Alles macht
einen sehr gepflegten und sauberen Eindruck und uns
wird frisches Wasser angeboten und kurz danach Reis
mit Thunfisch serviert.
Die Strecke nach Zemio, die Etappe des nächsten Tages,
war geprägt durch zahlreiche kaputte Brücken, die
entweder direkt durch den, mangels Regen,
glücklicherweise schmalen Bach umfahren oder vor der
Überquerung repariert bzw. zumindest kontrolliert
werden mussten. Kurz vor Zemio gab es sogar eine
Doppelbrücke, bei der die quer liegenden Holzbalken
und Äste nicht für beide Brücken reichten. Also
mussten einige Planken zwischen den Brücken hin und
her getragen werden, bevor man auf der anderen Seite
ankam. Etliche Km vorher hatte ich schon zutiefst
bereut keine kräftige Seilwinde auf der Stoßstange
installiert zu haben, als wir uns in einem recht
langen Schlammloch festgefahren hatten. Eine ziemlich
trostlose Situation, in die wir da geraten waren,
dachte ich bei mir, während Susanne und ich um das
Auto liefen und unbeholfen einige dünne Äste vor die
Räder legten. Bevor wir die Sandbleche hier für immer
im Schlamm versenken probierte ich noch mal den
Rückwärtsgang aus und erstaunlicherweise kamen wir
wieder frei und mit mehr Schwung in einer anderen Spur
fast problemlos durch das Schlammloch durch.
Die katholische Mission in Zemio hatte wegen des
Kirchentages in Bangassou geschlossen, so gingen wir
diesmal zur Konkurrenz, der Eglise AIM evangelique,
die von einem Amerikaner geleitet wird, der aber heute
Morgen nach Obo abgefahren ist, zu den Deutschen, die
die dortige Mission leiten sollen. Nach einigem Hin
und Her fanden wir einen Platz zum Schlafen auf dem
eigentlich sehr malerischen Gelände mit Blick über den
Regenwald bis in die Demokratische Republik Kongo.
Leider ist alles etwas heruntergekommen bzw.
vernachlässigt aber früher müssen auch mehr Besucher
hier gewesen sein, in einem Guesthouse hing noch die
Preistafel, laut der man sogar Frühstück für 10US$
bestellen konnte, heute wurde uns zumindest noch
Wasser gebracht und in Fass geschüttet, damit wir uns
waschen konnten.
Von Zemio nach Obo wurden alle Brücken von der UNHCR,
die in Mboki das Flüchtlingslager der Sudanesen
betreut, nicht nur in Ordnung gebracht, sondern nach
fast europäischem Standard neugebaut. Aus Beton mit
seitlicher Randbefestigung und hohen Leitpfeilern, die
auch noch bei Hochwasser die Position der Brücke
Markieren, alles in Rot-Weiß angestrichen, sehr kurios
nach den blanken Doppel-T-Trägern mit losen Ästen
darauf von gestern. Die drei größeren Flüsse wurden
mit Fähren überquert, die die deutsche
Entwicklungshilfe bereits vor einigen Jahrzehnten
installiert hat und heute immer noch gut
funktionieren. In Mboki hatten wir mal wieder eine
unangenehme Kontrolle, die wir durch befolgen der
Regel 2 – nicht den Motor ausmachen – regelrecht
zermürbt haben. Vielleicht hatten sie wirklich nur
keine Ahnung, was sie mit uns machen sollten weil der
Chef in der Kirche (Sonntag) war, vielleicht war der
Chef aber auch ein richtig scharfer Hund und hätte uns
total auseinander genommen, wenn er erstmal gekommen
wäre, bei dem Respekt den sie vor ihm hatten.
Jedenfalls hat das 45minütige Laufenlassen des Motors,
zwei Tagesreisen von der nächsten Tankstelle entfernt,
so an ihren Nerven gefressen, dass sie uns doch
durchließen. Schließlich in Obo angekommen, mussten
wir erfahren, dass der Amerikaner heute in Mboki ist
und dass die Deutschen schon vor zehn Jahren
abgefahren sind. Dementsprechend sah die ganze Mission
fast trostlos aus, nur die 15m hohen Bambusstauden,
unter denen sich unser „Klo“ befand, waren wirklich
beeindruckend.
Zum Abschied aus Obo sagte uns der Diensthabende der
Gendarmerie, bei dem wir sinnloserweise doch noch
angehalten haben, ihr seid sowieso bald wieder da, mit
dem Auto kommt ihr eh nicht nach Bambouti (der Grenze
zum Sudan). Über die 110km, die heute vor uns lagen,
hatten wir schon viel gehört. Das reichte von „ein
besserer Fahrradweg“ über „ziemlich schwierig aber man
kann es an einem Tag schaffen“ bis „da fahren nur 4
Fahrzeuge pro Jahr lang“. Ich würde sie als
größtenteils anspruchsvollen Trekking-Pfad
beschreiben, mit steilen flussbettartigen Anstiegen
und Abfahrten aber ich glaube mich erinnern zu können,
dass ich auf der ganzen Strecke auch einmal kurz in
den dritten Gang geschaltet habe. Auf jeden Fall
wussten wir, dass letzte Woche die „Medicins sans
Frontiers“ mit zwei Fahrzeugen hin und zurück gefahren
sind und dass heute noch ein Impfauto von UNICEF uns
entgegenkommen wird , es müssten also die gröbsten
Hindernisse schon aus dem Weg geräumt worden sein.
Trotzdem wurden wir leicht nervös, als plötzlich der
Keilriemen gerissen ist und wir den letzten
Ersatzriemen aufziehen mussten. War der alte schon so
zerschlissen oder war das fast mannshohe Gras daran
Schuld? Wird der neue halten oder geht der auch gleich
kaputt? Wir hielten alle 5Km an, um seinen Zustand zu
kontrollieren, glücklicherweise ohne eine Veränderung
feststellen zu können. Bei einem weiteren der
zahlreichen Anstiege, die ich im Geländegang mit Kraft
auf allen vier Rädern in Schrittgeschwindigkeit
bewältigte, schaltete ich wie immer auf dem ebener
werdenden Terrain frühzeitig alle Sperren aus, um die
Belastung auf den Antriebsstrang nicht zu groß werden
zu lassen, übersah aber, dass die
Hinterachsdifferntialsperre noch nicht raus gesprungen
war, ebenso wie den großen Stein vor dem rechten
Vorderrad, mit dem Ergebnis, dass nach erneutem
Einkuppeln von hinten links nur ein
metallisxch-mahlendes Geräusch zu hören war, das Auto
sich aber nicht bewegte. Der Motor hat über das
einzige Rad mit Traktion versucht das gesamte Gewicht
des Busses gegen den Stein vorwärts zu drücken, bis
die Kugeln aus dem Kreuzgelenk gedrückt wurden. Jetzt
hat sich spätestens die Umrüstung auf den
zuschaltbaren Allradantrieb wirklich gelohnt, denn
dadurch konnten wir wenigstens, wenn auch aufs höchste
sensibilisiert, mit Vorderradantrieb weiterfahren. Bei
einem späteren Keilriemenkontrollstop wollte ich
irgendetwas hinten aus dem Auto holen und beim
Wegklappen des Reserverades fielen mir die
Schaumgummistreifen auf, die eigentlich oben unter der
nun nicht mehr vorhandenen Dachkiste sein sollten,
aber wo hatten wir sie verloren, vor 1Km oder vor
20Km. Wenden konnte man hier sowieso nicht und 10Km
zurück bedeutet 2 Stunden länger fahren. Laufen würde
vielleicht gehen aber wie weit und wer Läuft und wer
bleibt beim Auto und wo bleiben die Kinder? Immerhin
war der Wagenheber in der Kiste, der Rest war
vielleicht nicht so wichtig, den Keilriemen hatten wir
ja schon raus genommen. Wenn die Reihenfolge andersrum
gewesen wäre, hätten wir jetzt ganz schön dumm
ausgesehen. Ich habe versucht es als Zeichen zu sehen,
dass wir die Kiste und deren Inhalt nicht mehr
brauchen aber es frisst mehr und mehr an den Nerven.
Gegen Mittag lag dann ein umgestürzter Baum so über
der „Straße“, dass die Landcruiser zwar drunter
durchkommen konnten, wir waren aber ca. 20cm zu hoch.
Nun musste ich aber wirklich losgehen und Susanne mit
den Kindern alleine lassen, für Susanne der schlimmste
Moment der Reise, wie sie mir später erzählte. Ein
Fahrradfahrer sagte uns, dass keine 2Km weiter ein
paar Hütten stehen, wo Männer mit Äxten wohnen. Nach
800 Schritten hatte ich die Hütten erreicht und zu
dritt kamen die Helfer mit mir zurück. Die
versprochene fürstliche Bezahlung ließ sie den
halbmeter dicken Stamm innerhalb von 30 Minuten klein
hacken und aus dem Weg räumen.
Kurz vor dem Dunkelwerden hatte dann das erste Mal ein
Ast unsere Dachluke abgerissen und ich musste mich
zwischen Auto und Busch nach hinten durchzwängen, die
Klappe einsammeln und wieder notdürftig festmachen.
Die Kinder wurden jetzt als Klappenwächter eingeteilt,
später mit Taschenlampen bewaffnet, mussten sie die
ganze Zeit die Luke im Auge behalten und alle 15-20
Minuten riefen sie dann: „Die Klappe ist weg!“
Nach 13 Stunden Fahrt für 110Km sind wir im
Stockdunkeln in Bambouti angekommen, sind dann nach
einer kurzen Unterhaltung mit zwei völlig Besoffenen
doch noch die 5Km bis nach Sourceyubu im Sudan
gefahren und haben uns dort auf die vermeintliche
Grenzstation gestellt, ohne von den ebenfalls etwas
angetrunkenen Wächtern weiter belästigt zu werden.
Am nächsten Tag wollten wir schnell die
Einreiseformalitäten erledigen und dann weiter nach
Yambio fahren aber der ortsansässige Soldat bestand
darauf, dass wir erst nach Tombura zu seinem Chef
müssen, obwohl wir uns aufgrund des Zustandes unseres
Autos mit Händen und Füßen gegen diesen Umweg von 80Km
gewehrt haben. Erschwerend kam hinzu, dass er
mitfahren wollte. Da wir vermuteten, er braucht nur
einen billigen Lift zu seiner Familie und besonders
Susanne des öfteren ihren Unmut darüber äußerte, wurde
die Fahrt nicht unbedingt zu einem Vergnügen für ihn.
Der arme Kerl hatte schon Angst um sein Leben glaube
ich, so lange hat er gezögert das ihm angebotene
Wasser zu trinken. In Tombura wurde Susanne dann auf
einmal ganz friedlich, nachdem sie das vollbesetzte
Gefängnis gesehen hat, in dem kein Fensterplatz mehr
frei War. Wir wurden einem sehr freundlichen Offizier
vorgestellt, der aber mit jeder Faser seines Körpers
die hinter ihm liegenden Kriegsjahre ausstrahlte, der
nicht laut reden musste um gehört zu werden, der
allein durch seine Anwesenheit Respekt erhielt. Er
führte uns wiederum ins Büro des Commissioners,
welcher sich erklären ließ was wir weiter vorhaben, um
dann höflich aber bestimmt und ohne nähere Details
verlauten zu lassen sagte, dass er für sein County die
Sicherheit garantieren kann aber wenn wir den
verlassen, machen wir das auf unsere eigene
Verantwortung. Und damit waren die
Einreisefprmalitäten auch schon erledigt, kein Stempel
im Pass, kein Interesse für unser Sudanvisum, nur am
nächsten Tag erhielten wir noch ein handgeschriebenes
(die Formulare waren wohl ausgegangen, bei dem
Touristenandrang) Travel Permit der „Public Security“
– eine Art Stasi schätze ich. Wir quartierten uns mal
wieder bei der katholischen Mission ein, die hier in
Person von dem Patriarch Father Mathew wirklich
hervorragende Arbeit leistet. Er selbst hat heute wohl
nichts weiter zu tun, denn er lässt gleich ein paar
Stühle kommen, damit wir den Rest des Tages über die
Situation im Land philosophieren können. Leo freundete
sich derweil mit Emanuel an, einem 12 jährigen Waisen,
der hier alleine in einer kleinen Hütte lebt und die
beiden zeigten sich gegenseitig ihre Schulbücher und
Hefte.
Am nächsten Tag auf dem Markt erzählte mir ein
LKW-Fahrer, dass er seit zwei Wochen hier festsitzt,
da auf dem Weg nach Yambio Krieg ist. Ich war sofort
alarmiert und mir fielen wieder die Andeutungen des
Commissioners ein. Als ich Mathew damit konfrontierte
räumte er ein, dass es da einen Stammeskonflikt mit
ein paar Toten in Ezo gibt zwischen Dinka und Azande
aber wir seien ja schließlich Weiße und haben damit
nichts zu tun, das kann man den Leuten erklären und
das müssten sie eigentlich auch verstehen (der alte
Philosoph). Für uns hieß das von jetzt an jeden
Schritt ganz genau zu überlegen, jede Information
doppelt zu checken und unsere Instinkte zu aktivieren.
Als mir einer von der „PS“ (Public Security) sagte, er
hätte mit Ezo gesprochen und sie über unser kommen
informiert, sie erwarten uns jetzt, habe ich mir
erstmal von anderer Seite bestätigen lassen, dass der
Typ wirklich bei der Funkstation arbeitet. Aber dann
war es auch das Zeichen zum Losfahren für uns. Kurz
nach der Morgendämmerung machten wir uns auf den Weg
Richtung Yambio, verabschiedet von Mathew, der noch
ein Gebet für uns gesprochen hat, fuhren wir durch das
bereits geschäftige Tombura, das im Gegensatz zu den
Zentralafrikanischen Dörfern uns eine regelrechte
Aufbruchstimmung vermittelt hat. Nachdem wir den
Soldat vom Hinweg wieder in Sourceyubu abgesetzt
hatten, verließen wir Tombura-COunty und erreichten
bald, vorsichtig in Schrittgeschwindigkeit annähernd,
den ersten von vielen Roadblocks, die die in den
kleinen Siedlungen an der Straße lebenden Leute aus
gefällten Bäumen oder Strauchwerk errichtet hatten.
Bewaffnet mit Pfeil und Bogen oder Speeren, vereinzelt
auch mit Karabinern oder automatischen Gewehren,
kontrollierten sie den Weg, schließlich hatten sie
gehört es ist Krieg, um zu verhindern, dass irgendeine
Gefährdung sich ihren Hütten nähern konnte. Meistens
waren sie erleichtert wenn sie erkannten, dass wir nur
Touristen sind, manchmal waren sie so misstrauisch,
dass sie das Auto nach Waffen oder Dinkas durchsuchen
wollten, aber sie wollten immer wissen wie die Lage in
der von uns bereits passierten Gegend ist, da dies die
einzige Möglichkeit der Informationsübertragung ist.
So schwappte die Welle der Zwischenfälle, wie wenn man
einen Stein ins Wasser wirft, von Ezo ausgehend zu Fuß
oder per Fahrrad weiter getragen mit der
entsprechenden Verzögerung von Dorf zu Dorf und unsere
Aufgabe bestand darin, immer im Wellental zu bleiben.
Wie die Situation vor uns aussah konnten wir aufgrund
der erhaltenen Informationen glücklicherweise gut
einschätzen, wie nah die zweite Welle hinter uns war
und von deren Existenz, haben wir erst in Nairobi per
Email erfahren. Irgendwann kam uns ein Motorradfahrer
aus Yambio entgegen, das erste sich bewegende
motorisierte Fahrzeug seit Zemio, und wir tauschten
gegenseitig Details über die Strecke aus, die von nun
an durch kilometerweise sich aneinander reihende
Wasserlöcher geprägt war, teilweise so tief, dass das
Wasser beim Eintauchen bis auf die Windschutzscheibe
schwappte und wir noch Tage später Stellen im Bus
gefunden haben, wo das Wasser durch irgendwelche
Löcher ins Wageninnere gekommen ist. Mit dem letzten
Licht des Tages erreichten wir Yambio und fuhren auf
das Gelände der katholischen Mission, wo wir in dem
Haus eines hier arbeitenden Deutschen einquartiert
wurden das z.Z. leer stand, da die UN ihn 2 Tage
vorher evakuiert hat. So konnten die Kinder das
Wohnzimmer als Spielzimmer geschützt vor neugierigen
Blicken der Einheimischen nutzen und auf der Terrasse
verbrachten wir die bis dahin romantischsten
afrikanischen Abende bei Kerzenschein, fast paradox in
diesen unruhigen Zeiten. Direkt vor dem Haus hatten
wir eine eigene Wasserpumpe und wenn wir etwas vom
Markt brauchten, der seit Beginn des Konfliktes aus
dem Dinkaviertel in das Azandeviertel gezogen war,
wurde jemand losgeschickt, es für uns zu besorgen. Bei
den obligatorischen Behördengängen zur „PS“ und zur
Alien-Police unterstützte uns Vikar Samuel genauso wie
er uns mit Nachrichten aus Maridi versorgte, die er
per Satellitentelefon von der dortigen Mission
erhielt. Bill, der Kanadier, und Denis, der Ire, zwei
Christliche Brüder die hier als Lehrer tätig sind,
erzählten uns viel über die Umstände und sprachen uns
Mut zu für unseren restlichen Weg. Sie sagten uns
auch, dass Leo und Elisa die ersten weißen Kinder
sind, die die Einheimischen zu sehen bekommen haben,
was auch die Erklärung ist für die Ausrufe der
Überraschung allerorten, wenn wir mal zu Fuß unterwegs
waren.
Am Samstag war die Welle in Maridi, Sonntag ist kein
guter Tag zum Reisen, hat Samuel gesagt, also machten
wir uns Montag in aller Frühe wieder auf den Weg. „You
just broke the first rule! Do not Stop for anyone!“,
sagte Bill lachend als wir neben ihm anhielten, denn
er war zum Abschied an die Straße gelaufen. Ich war
mir nicht ganz sicher ob das wirklich die richtige
Devise ist aber wir wurden zum Glück nicht vor die
Wahl gestellt und erreichten am Mittag bereits die
katholische Mission in Maridi. Obwohl wir zügig weiter
wollten, da der Platz nicht im Geringsten geschützt
war und man permanent von den frechen Kindern
belästigt wurde, gab es zwei Gründe die uns zumindest
für den nächsten Tag festhielten. Zum Einen hat der
örtliche „PS“-Chef, ein äußerst arroganter und
korrupter Dinka, unsere Pässe einkassiert, da er mit
dem handgeschriebenen Travel-Permit aus Tombura nicht
zufrieden war, uns aber gegen die geringe Gebühr von
100US$ ein korrektes Formular aushändigen würde, was
für uns wiederum inakzeptabel war und zum Anderen
hatten wir seit der Fahrt nach Yambio, bei der ein
Stein in einem der zahlreichen Wasserlöcher ein
kleines Stück aus unserem Getriebe geschlagen hat,
ständig mit geringem Ölverlust aus dem selben zu
kämpfen, was unsere Reichweite etwas einschränkte und
wir hofften dies hier notdürftig reparieren lassen zu
können. Die Pässe hatten wir am nächsten Tag wieder
und abends war der Ölverlust weitgehend eingedämmt und
das Getriebe komplett neu gefüllt, so dass wir am
Mittwoch früh die 400Km bis Arua/Uganda in Angriff
nehmen konnten.
Dort haben wir das erste Fahrzeug mit Weißen drinnen
angehalten und auf meine Frage, ob sie einen guten
Stellplatz für uns wüssten, haben sie geantwortet: „Du
kannst ruhig deutsch mit uns sprechen.“ Frank und
Maria aus Sachsen leiten hier die technische Mission
der Diguna (Die gute Nachricht) und haben uns mit
ihrer sehr gut ausgestatteten Werkstatt und den
interessanten Gesprächen sehr geholfen. Gewohnt haben
wir in einem kleinen Hotel, dessen Angestellte, da sie
von 7:00 Uhr morgens bis 23:00 Uhr abends arbeiten
mussten, offensichtlich ein Anrecht auf Mittagsschlaf
hatten, denn sie haben sich überall wo Platz war
schlafen gelegt, auf dem Bügeltisch und darunter,
neben der Treppe und einmal hätte ich mich fast auf
eine draufgesetzt, da sie in der Lobby auf dem Sofa
lag.
Von Arua fuhren wir nach Kampala, wo wir in einen
echten Stau gerieten und die Nacht neben einer Disco
verbrachten aber der Lärm von fröhlich feiernden
Menschen zu lauter Musik ließ uns beruhigt
einschlafen.
Gleich am nächsten Tag sind wir in einer 16 stündigen
Fahrt am Viktoriasee vorbei bis Nairobi gefahren, der
Stadt mit VW-Werkstätten und Vollversorgung für uns,
schließlich mussten wir und das Auto bis Weihnachten
wieder fit werden, wenn Axel und Sylvie mit den
Kindern uns besuchen kommen.
Kunduchi, 21.1.06
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