The Urge: Lunch At The Lady Garden
Release am 07.09.2007 durch Big Lake
Bewertung: 6 von 10 Punkten
John Miles liebt die Doppeldeutigkeit. Aber nicht im Bezug
auf "Music was my first love", sondern eher auf sein neues Album.
Moment mal, John Miles war im Studio?
Ja, das stimmt sogar. Allerdings nicht alleine und nicht
hauptberuflich. Er war als Produzent tätig. Für seinen Sohn, John
Miles Junior und dessen Band The Urge, die sich Tönen zwischen Led
Zeppelin und Aerosmith ihren Stil suchen. Das der Junior aber im
Mittelpunkt des Geschehens steht und die Band um ihn herum, steht
außer Frage. Welche Band bildete auf der ersten Seite des Booklets
jemals den Gitarristen ab?
Das Trio aus Newcastle sind Newcomer, und bereits im Gespräch mit
Namen wie Gary Moore und Jethro Tull. Nachdem sie zuletzt auf einem
WDR-Rockpalast-Konzert "entdeckt" wurden und ungeplant mitgeschnitten
wurden, geht es auch live steil weiter. Zum Beispiel als Support für
ebengenannte Größen.
Aber was machen The Urge denn nun wirklich auf "Lunch at the Lady
Garden"? Wenn man sich dann schneller oder langsamer von dem
eigenwilligen Booklet samt halbbekleideter, gesichtsloser Dame
losgerissen hat, wird es gemäßigt. "Lunch at the Lady Garden" ist ein
durchweg homogenes, klassisch rockiges Album samt Ballade, depressiv
rockiger Nummer, zwei oder drei mehr jazzigen und drei oder vier sehr
rockigen Songs.
Typischerweise ist das Hauptthema der Platte die zwischenmenschliche
Beziehung zweier Menschen mit all ihren Problemen. Und Wünschen. Und
auch deren Ende. Das Album beginnt also mit "Sie-hält-mich-fest-und-
ich-komm-nicht-weg". Tragische Songthematik vermischt sich mit
eindrucksvollen Bläsern und einem herrlichen Johnny Boyle am Mikro.
Eingängige Liedstruktur, Ohrwurm und die Art von Musik, die man
angenehm im Hintergrund laufen lassen kann, ohne dass das
Kneipengespräch unterbrochen wird. Aber auch nicht eintönig wird.
Musikalisch passiert in dem flotten Dreiminüter neben dem
obligatorischen, aber gut harmonierenden Gitarrensolo nicht
mehr. "Better Off Without You" schließt nahtlos mit einem gleichfalls
kreativem Intro an, driftet dann aber vor allem gesanglich eher in
die Bluesschematik ab. Ab der Hälfte hat man das Gefühl, den Rest des
Liedes auch zu kennen.
"Where do we go from here" hat nichts mit dem Abschlusslied des
legendären Buffy, die Vampirjägerin-Musicals zu tun, aber zu dem
Stück hätte Sweet bestimmt auch gesungen.
Nach so viel Rock kommen wir zur ersten Ballade "Forever and a Day".
Balladen klingen immer so schön anders, weil man ja über Gefühle
singen muss und deshalb beginnt der Track auch ganz nachdenklich mit
sehr exotischen Handtrommeln und verliert sich dann in langgezogenen
Ewigkeitsschwüren. Die Melodie erinnert stellenweise immer an einen
Bon Jovi-Song und weist gewisse Truckerromantik auf. Dennoch: Ehre,
wem Ehre gebührt und die Nummer kann sich hören lassen.
"Baby Now I" ist ein Cover von Dan Reed, der damals auch mit Bon Jovi
unterwegs war und erst 2002 eine Sammlung seiner besten Lieder
veröffentlichte. Der Song passt atmosphärisch in jedes bessere Lokal,
konsequent durchhören kann man nicht. Ob es einfach an dem
ständigen "Baby now I..." liegt oder daran, dass der Song generell
wenig Handlung hat, sei dahingestellt.
Sehr locker hingegen ist "Searching for Heaven" aufgearbeitet. Boyle
bekommt genau so viel Spielraum zwischen den Hintergrundgesang, dass
er beeindruckend mit den Tönen spielen kann und dennoch durchklingen
lässt, dass da noch viel mehr geht. Sehr gitarrenlastiger Gospel.
Und dann war da noch "Lonely Road", da so gerade angelegt ist, dass
es einfach hängen bleibt. Von Boyle bis Miles klingt hier der Pop
durch, aber das tut nach so viel alternativen Klängen gut.
Bei einem Abschluss mit "Come back to You" braucht das Album diese
Klänge, denn dieser Track geht wieder sehr in die Richtung
von "Better off without You".
Fazit: Eine Durchschnittsproduktion? Keinesfalls, The Urge wissen
wohl, was sie da tun und sie tun es gut. Es kommen lediglich Fragen
beim Herzblut. Wenn eine Scheibe so geplant klingt, wenn die Rede
von "perfekt", "vollkommen" und "optimal" ist, dann denkt man eher an
kalte, gesichtslose Plattenproduktionen der Charts als an ehrliche
Musik. Das mag jeder beurteilen, wie er will. Ich stimme meinen
Vorrednern zu: The Urge haben Potential, Gehör für Melodien - das war
nicht das letzte Album.
Anspieltipps: Better off without you, Forever and a Day, Revolution,
Easy Chair
Tracklist:
1. She Made Me Do It
2. Better Off Without You
3. Where Do We Go From Here
4. Train Past Midnight
5. Forever And A Day
6. Baby Now I
7. Revolution
8. Blue Steel
9. Searching For Heaven
10. Lonely Road
11. Easy Chair
12. Come Back To Yo
Bewertung: 6 von 10 Punkten
Genre: Classic Rock
Spielzeit: 46:03 Minuten
Anzahl Songs: 12
Label: Big Lake
Release: 07.09.2007
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Svenja Reiner